Home is where the heart is

Komm heraus
und lass uns reisen.
Ein letztes Mal.

Ich erwachte aus einem Traum.
Dieses warme wohlige Gefühl. Diese Geborgenheit. Nie Hunger, nie Durst.
Manchmal hörte ich Geräusche von außen, Stimmen. Ab und zu drückte die Wand etwas ein; schien mich berühren zu wollen. Wieso konnte es nicht immer so sein?
Irgendetwas drückte mich, versuchte mich zu zerquetschen. Weit hinten sah ich einen hellen Punkt, der meine Augen blendete. Es gab keinen Halt. Das Licht schwoll an.
Und dann verschwand ich.

Wir sitzen an einem langen Tisch. Er misst mindestens drei Meter. Ich sitze am einen Ende. Mir gegenüber mein Vater. An den Seiten meine insgesamt sieben Geschwister. Mutter betritt das Zimmer mit einer großen dampfenden Schüssel. Der Geruch von totem Fleisch dringt in meine Nase, tötet jegliches Hungergefühl in mir. Ich sehe hinaus. Die dunklen Regenwolken der letzten Stunden haben sich endgültig aufgelöst. Stattdessen erstrahlt der Himmel in einem grellen, unnatürlichen Blau. Plötzlich erscheint ein Gesicht am Fenster. Für einen Moment erkenne ich das verschmitzte Grinsen eines Narren. Kurz darauf ertönt ein leises Klopfen an der Haustür.
Ich werfe einen Blick auf meine Familie. Sie sitzen starr und steif auf ihren Plätzen und betrachten mit glasigen Augen ihre leeren Teller. Habt ihr das Klopfen nicht vernommen? Das einzige Geräusch seit langem in dieser weiten, unendlichen Stille.
Erneutes Klopfen, diesmal etwas kräftiger. Das Klingeln von Glöckchen dringt durch die massive Eichentür.
Noch immer bewegt sich niemand.
Dann, für eine Sekunde, hallt die Stimme meines Vaters in meinem Kopf: Die Gefahr lauert überall!
Langsam spüre ich meine Glieder versteifen... mit letzter Kraft springe ich auf und laufe zur Tür. Als ich die Tür öffne, kommt mir ein Schwall heiße Luft entgegen, gemischt mit feinem Sand.
Der Narr steht einige Meter entfernt von mir. Er hebt die Hand und schüttelt sie, um die goldenen Glöckchen rund um sein Handgelenk zum Schellen zu bringen. Sie wirken wie Stimmen auf mich, Stimmen, die mich nach Hause rufen. Wie Musik, welche die Stille zu verdrängen vermag.
Für einen Augenblick schaue ich zurück, um einen letzten Blick auf meine Familie zu werfen. Das Mittagessen dampft nicht mehr; es ist kalt geworden.
Als ich den Türknauf loslasse, fällt die Tür wie von selbst ins Schloss. Im gleichen Moment bohrt sich etwas durch meinen Rücken, bahnt sich durch meinen Leib, um schließlich mein Herz zu ergreifen. Eine Hand streicht mir sanft über die Wangen, packt mich dann am Haarschopf und reißt meinen Kopf herum. Direkt vor mir das blasse Gesicht des Narren. "Ich brauche dein Herz, sonst würdest du mich schon bald verlassen!" Mit diesen Worten reißt er mir endgültig das Herz aus meinem blutenden Körper.
Geschwächt falle ich zu Boden und winde mich vor Schmerzen im heißen Wüstensand. Ich versuche meine Wunden mit dem Sand zu bedecken, doch schon bald versiegt das Blut von selbst.
Ich hebe den Kopf und werde sogleich von der grellen Sonne geblendet. Der Narr tritt etwas zurück, genau in das Licht der Sonne.
Nun steht er über mir, eine Silhouette umgeben von einem Kranz aus Wüstenfeuer. Mit der einen Hand hält er mir mein Herz entgegen, mit der anderen deutet er mir an aufzustehen.
"Wohin gehen wir?" frage ich mit zitternder Stimme. Wortlos dreht er sich um, lässt kurz seinen Blick über die karge Wüstenlandschaft schweifen, um dann zielgerecht eine Düne anzusteuern. In der Linken mein Herz, das immer noch mein Blut zum Pochen bringt. Natürlich folge ich ihm.

Schon bald erreichen wir die Düne. Es ist die einzige weit und breit. Vielleicht ist sie nicht real, vielleicht fällt sie bei der kleinsten Bewegung in sich zusammen. "Komm mit mir hinauf! Von dort hat man einen wundervollen Blick über das Meer!" Mit diesen Worten rennt er los; nein, er springt wie ein kleiner aufgeregter Junge, immer schneller, immer höher.
Schon bald hat er den höchsten Punkt erreicht. Ich erkenne, wie er für einen Moment erstaunt innehält.
Höre ich da wirklich das Rauschen der Wellen?
"Ich nehme jetzt ein kühles Bad!" Jetzt ist er endgültig hinter der Düne verschwunden. Mit ihm mein Herz, welches bei jedem Schritt, den er sich von mir entfernt, langsamer schlägt.
Es macht mir große Mühe, die Düne zu besteigen. Immer wieder rutsche ich ab oder versacke im Sand. Schließlich stelle ich mich auf alle Viere. Der Gedanke an das kühle Nass treibt mich voran.
Als ich die Düne erklommen habe, sehe ich mich um: kilometerweit erstreckt sich gelber Sand.
Aus der Ferne ertönt das Gelächter des Narren. "Wo bleibst du?" Wieder lockt er mich mit meinem Herzen.
Wieder folge ich ihm.
Wo ist nur das Meer geblieben?

Bald haben wir die Düne weit hinter uns gelassen.
Allmählich überkommt mich Müdigkeit. Meine Füße schmerzen und meine Kehle ist ausgebrannt. Ich gäbe mein Leben für einen Schluck Wasser. "Wann werden wir rasten?" frage ich erschöpft den Narren, der nicht im geringsten Müdigkeitserscheinungen zeigt. "Zum Rasten wirst du noch genug Zeit haben, mein Freund"
Es scheint mir fast, als schwebe er über den Boden. Manchmal springt er in die Luft, so dass alle Schellen seines Kostüms rasseln. Darauf bricht er in schallendes Gelächter aus. Ab und an lässt er sich sogar fallen, um im Sand herumzutollen.
Ich weiß nicht, wie lange wir schon gehen.
Plötzlich dreht er sich um, packt meine Hand und zerrt mich voran. "Dort hinten ist es. Es wurde auch Zeit. Hörst du sie?" Ich spitze meine Ohren. Tatsächlich, ich höre Stimmen, Gelächter. Und dort am Horizont erkenne ich eine Tür.
"Ein Fest. Sie feiern ein Fest und wir sind eingeladen!" Mit diesen Worten lässt er meine Hand los, macht einen Luftsprung, wobei er eine halbe Drehung vollbringt, und läuft den Stimmen entgegen. Schon bald ist er hinter der Tür verschwunden. Warte auf mich!
Erst jetzt bewege ich mich von der Stelle. Von Durst getrieben laufe ich. Immer schneller. Die Stimmen werden lauter, schwellen an zu einem Getöse, so dass mir fast die Ohren schmerzen. Mein Herz pocht wild.
Als ich vor der Tür stehe, zögere ich einen kurzen Moment. Dann öffne ich sie. Schlagartig kehrt die Stille wieder ein. Zu allen Seiten weitet sich der Sand aus. Mein Herz hat sich beruhigt. Doch wo ist es?
Weit vor mir steht mein Gefährte und winkt mir zu. "Lass uns weitergehen. Es wird Zeit. War es nicht wunderbar?"

Es ist so still hier. Keine Bewegung. Der feinste Windhauch wäre imstande, den gesamten Sand und das unendliche Himmelsblau fortzuwehen. Dann stünde ich in einem leeren Raum, an dessen kahlen Wänden das Klingeln der Schellen wiederhallen würde. "Sieh mal her!" Starr vor Schreck muss ich mitansehen, wie er mein Herz wiederholt in die Luft wirft.
Jetzt zieht er seine Schuhe aus, um damit und meinem Herzen mir seine Jonglierkünste vorzuführen. "Das mache ich gut, nicht? Habe lange geübt." Ich möchte dieses scheußliche Schauspiel beenden, kann mich jedoch nicht bewegen. Ganz leise flehe ich ihn an:" Bitte hör auf damit!" "Du verstehst einfach keinen Spaß", faucht er mich an. Für einen Augenblick glaube ich in das Antlitz des Teufels zu blicken, doch in der nächsten Sekunde stimmt er wieder sein närrisches Gelächter an. Fast kommen ihm die Tränen.
"Nun komm, es wird Zeit!" Er versucht meine Hand zu nehmen, ich ziehe sie jedoch zurück. "Zeit wofür?"
Er neigt seinen Kopf zur Seite und sieht mich fragend an. Plötzlich erstarrt sein Gesichtsausdruck. Völlig regungslos steht er nun vor mir. Ich bin erleichtert, als sich ein Zucken in seinen Mundwinkeln erkennbar macht. Schon bald lächelt er mich an, schüttelt fassungslos seinen Kopf und kehrt mir wie gewohnt seinen Rücken zu. Ich höre, wie er leise in sich hinein kichert. "Nun komm!"

Nach einer Ewigkeit hat sich eine Wolke am Himmel gebildet. Die ganze Zeit habe ich auf den Boden gestarrt. Erst als mich mein Gefährte anstößt, um mich auf das Himmelsgebilde aufmerksam zu machen, erwache ich aus meiner Lethargie.
Zuerst bereitet es mir Schmerzen den Kopf zu heben, doch der Schmerz weicht sofort der Freude, die ich schlagartig für die Veränderung empfinde, die nach langem Hoffen doch noch eingetreten ist.
Fasziniert beobachte ich, wie sich der Wolkenhaufen von Sekunde zu Sekunde verändert. Hat er nicht die Gestalt einer offenen Kutsche, gefüllt mit prachtvoll gekleideten Damen?
Sie schweben durch die Luft und scheinen mir zuzuwinken. Der Wagen kommt immer näher, verdunkelt sich zunehmend.
Nein, bedrohlich wirkt er nicht.
Hinter der nächsten Düne macht das Gebilde halt. Längst ist der Narr losgelaufen, um dem kühlen Regen, der sich nun hinter dem Hügel über totem Boden ergießt, entgegenzueilen.
Wenigstens wird das Wasser mein Herz benetzen.
Ich gehe los. Ganz vorsichtig, doch mit jedem meiner Schritte schwindet die Wolke ein wenig.
Ich beschleunige meine Schritte; renne schließlich, um wenigstens den Geruch feuchter Luft in meinem Gedächtnis einzubetten.
Als ich auf der Düne stehe und meinen Kopf gen Himmel recke, ist die Wolke verschwunden.
Ich schließe meine Augen, sauge die Luft mit der Nase ein.
Kalte klare Luft, vermischt mit dem süßen Duft junger Kirschblüten, oder ist es Apfel? In meiner Fantasie taucht ein Bild auf: Frühling im Tal. Blühende Obstbäume reihen sich entlang eines klaren Baches. Ein kleiner holpriger Weg führt durch das Tal. Vorbei an frisch gepflügten Feldern schlängelt er sich die saftig grünen Hügel hinauf, um sanft am Horizont zu verschwinden.

Ich möchte für immer so verharren und könnte es auch, da mich niemand drängt weiterzuwandern.
Ich weiß nicht, was mich dazu treibt, die Augen wieder zu öffnen. Vielleicht ist es die Verwunderung über den Duft, den ich ganz deutlich in der Nase habe. Also öffne ich sie.
Mein Herz droht vor Freude zu zerspringen.
Dort unten steht ein kräftiger Baum mit prachtvollen rosafarbenen Blüten. Als ich nähertrete, erkenne ich, dass sich etwas Regenwasser in einer Mulde gesammelt hat, nicht weit entfernt vom Kirschbaum.
Ich beuge mich über die Pfütze, um zu trinken und erschrecke nicht einmal, als mich ein alter, weißhaariger Mann anlächelt. Ich trinke reichlich und benetze mein Haupt mit dem kühlen Nass, nach dem ich mich so lange gesehnt habe.
Mühsam erhebe ich mich wieder, um mich unter dem schattenspendenden Baum niederzulassen.

Vorsichtig streiche ich über die Baumrinde, die rhythmisch gegen meine faltige Haut pocht.
Während sich die Abstände zwischen den Schlägen langsam vergrößern, schließe ich die Augen.

Ein letztes Mal.