Die letzte Liebe

Es war einmal ein junges Liebespaar. Sie wollten so bald wie möglich heiraten.
So verliebt sie auch waren, gab es doch ein Problem. Der junge Mann ging oft mit seinen Freunden ins Wirtshaus um zu feiern und zu trinken. Er erzählte seiner Geliebten nichts davon, sonder schlich sich des Nachts ungesehen davon. Seine junge Frau machte sich natürlich Sorgen, so wie sich Verliebte eben um den Liebsten sorgen. Sie machte ihm Vorwürfe, wenn er dann volltrunken ins Haus polterte - und er schlug sie, er schlug sie so lange, bis sie wimmernd am Boden lag.
Und wie es so ist, bereute er es am nächsten Tage so sehr, dass er sie mit Entschuldigungen und Blumen überhäufte. Denn er liebte sie wirklich und er wäre umgekommen, hätte sie ihn verlassen. Also blieb sie bei ihm und verzieh, weil auch sie ihn liebte.
Doch die Reue währte nicht lange, so dass er sich wieder mit Wein betrank und seine Liebste schlug. Er ließ sie leidend am Boden liegen und fiel müde in sein Bett.

Und als er eines Morgens erwachte, war sie fort. Er machte sich sofort auf den Weg, sie zu suchen. Er suchte sie bei Freunden und Familie, er suchte sie im Wald und auf den Feldern, doch er fand sie nicht.
Spät in der Nacht kehrte er heim und schlief vor lauter Erschöpfung ein.
Doch irgendwann, er mochte erst einige Minuten geschlafen haben, weckte ihn ein eigenartiges Geräusch.
Er setzte sich in seinem Bette auf und starrte zur Tür, denn dort stand eine Gestalt, eine schwarze Gestalt. Auch als er eine Kerze entzündete, blieb sie schwarz wie eine sternenlose Nacht. "Wwas, willst du von mir? stotterte der verängstigte junge Mann. Die seltsame Erscheinung trat lautlos auf ihn zu und legte ihm die eiskalte Hand an die Stirn, worauf er zurückschrak. "Sie ist bei mir", hörte er die Gestalt sagen. Es war die Stimme der Nacht, "ich habe sie in die Unterwelt mitgenommen, dort ist sie sicher. Du wirst sie nie wieder zu Gesicht bekommen!"
"Das kannst du mir nicht antun!" schrie der junge Mann verzweifelt, "ich sterbe ohne sie!" Er versuchte, ihn zu packen, doch er griff durch den Körper hindurch. Er hörte ein schallendes Gelächter, worauf die finstere Figur wieder verschwand.

Der Junge weinte die ganze Nacht hindurch und schrie immer wieder ihren Namen.
Er blieb von diesem Moment an daheim. Er saß gekrümmt auf seinem Bette und starrte vor sich hin.

Irgendwann fiel er auf die Knie und betete - nein, nicht zu Gott, er hoffte inbrünstig, sein Flehen würde vom Herren der Unterwelt erhört. "Ich will nur ihren Atem, mehr will ich nicht, nur sie atmen hören, um zu wissen, dass sie noch unter den Lebenden weilt. Ich flehe dich an, ist denn das zuviel verlangt?" Er bekam keine Antwort.

Als er sich am nächsten Abend zur Ruhe legte und die Augen schloss, hatte er sofort ihr Bild vor Augen. Mit ihren grauen Augen sah sie ihn verliebt, aber mit Unverständnis an "Warum hast du das getan, mein Liebster, warum hast du mich fortgeschickt? Und dann liefen ihr Tränen über das blasse Gesicht. Er hörte sie schluchzen. Und er hörte ihren Atem, er hörte ihn wirklich, er war jetzt so nah.
Er wurde immer lauter, breitete sich im ganzen Raume aus und schwoll an zu einem unerträglichen Getöse.
Erschrocken öffnete er die Augen und der Atem war verschwunden. Doch sobald er seine Augen wieder schloss, ertönte er wieder. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als wach zu bleiben.

Gegen Morgen war er so ermüdet, dass er geschwächt zu Boden fiel und erneut zum Herrn der Unterwelt sprach: "Ich verspreche dir, ich werde mich immer an ihren Atem erinnern, doch vermisse ich ihre Küsse so sehr, dass mich die Sehnsucht danach verbrennt!"
Diese Nacht konnte er wieder friedlich schlafen. Des Nachts trat eine junge blasse Frau an sein Bett. Sie kniete sich vor ihn und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Dann verschwand sie wieder. Doch die Wange, auf die sie ihn geküsst hatte, fing an zu rauchen und langsam brannte sich die Form ihrer Lippen in sein Fleisch. Die Schmerzen erweckten ihn aus seinem tiefen Schlaf. Rasch griff er nach dem Krug mit kaltem Wasser und schüttete sich das kühlende Nass über die wunde Wange. Gegen Abend war die Wunde wie durch ein Wunder verheilt. Doch in dieser Nacht erschien seine Liebste wieder, um ihn zu küssen und diesmal brannte der Kuss noch heißer.
Voller Pein hockte er auf dem Boden und schluchzte:" Ihr Kuss hat sich für immer in mein Fleisch gebrannt, doch ihr Bild wird immer blasser. Ist sie immer noch so wunderschön? Bitte zeig sie mir, ich flehe dich an!"

In der kommenden Nacht versuchte er mit allen Kräften wach zu bleiben, falls sie wirklich erscheinen sollte, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick. Doch er wartete vergeblich die ganze lange Nacht hindurch.

Als er jedoch am nächsten Morgen in den Spiegel schaute, erschien dort statt seines Spiegelbildes ihre Gestalt und lächelte ihn an. Er versuchte sie zu berühren, doch trennte sie die harte Spiegelfläche. "Wie geht es dir, meine Teuerste?" fragte er sie besorgt, aber sie antwortete ihm nicht, es schien ihm, als hörte sie ihn nicht einmal.
Stunde um Stunde schaute er sie an, er konnte die Augen nicht von ihr lassen. Doch irgendwann überkam ihn die Müdigkeit und er fiel in einen tiefen Schlaf.
Nach einer Ewigkeit erwachte er wieder erschrocken und schaute als erstes in den Spiegel. Sie war immer noch da, aber sie hatte sich verändert. Ihr Gesicht war jetzt noch blasser als zuvor und ihr linkes Auge war angeschwollen.
Jedesmal, wenn er erneut in den Spiegel schaute, wurden die Verletzungen schlimmer. Er wusste genau, es waren die Wunden, die er ihr in ihren gemeinsamen Jahren zugefügt hatte.

Irgendwann ertrug er es nicht mehr, sie anzuschauen. Er nahm eine Axt und zerschlug den Spiegel in tausende Splitter.

"Ich möchte sie doch nur berühren!" wandte er sich erneut verzweifelt an den Herrn der Unterwelt. "Tu mit mir, was du willst, aber lass mich sie nur noch einmal berühren!"
In der nächsten Nacht erschien ihm wieder die düstere Gestalt. "So, du willst sie also berühren, wie hoch der Preis auch sein möge, mein Freund?" "So ist es!" antwortete er. "Dann komm mit mir!" sprach die Gestalt und wies dem Jungen den Weg.
Je länger sie gingen, umso dunkler wurde es. Bald war der junge Mann ganz und gar von Dunkelheit umhüllt. Woran er sich zuletzt erinnern konnte, war, dass er eine Treppe hinunterfiel und starke Hände ihn auf eine Liege legten. Dort lag er viele Stunden bis sich ihm Schritte näherten und jemand mit dunkler Stimme zu ihm sprach: "Es ist soweit, mein Freund. Nimm meine Hand und folge mir!"
Wieder stiegen sie die lange Treppe hinauf und gingen dorthin, wo es wieder heller wurde. Jedoch war es immer noch Nacht. Bald erkannte er sein Haus. Sein Herz pochte wild vor Aufregung, denn er würde sie gleich wiedersehen.
Sie waren an der Schlafzimmertür angekommen. Dort im Bette lag sie friedlich schlafend wie ein Engel. Er trat vorsichtig zu ihr und musste mit Erschrecken feststellen, dass sie nicht alleine schlief, denn neben ihr lag ein junger Mann, der sich in diesem Moment drehte, um nach seiner Geliebten zu tasten. "Nein, du wirst sie nicht berühren, sie gehört zu mir!" schrie der Verlassene verzweifelt und stieß seine Hand wieder fort. Darauf packte er seine Liebste an den Schultern und schüttelte sie. Doch sie erwachte nicht. "Du kannst sie nicht erwecken, schließlich wolltest du sie doch nur berühren," sagte die dunkle Stimme. "Und beeil dich, wir haben nicht viel Zeit!"

Also strich der Junge ihr ein letztes Male zärtlich über die Wange und gab ihr seinen letzten Kuss. Traurig erhob er sich von seinen Knien und flüsterte: "Wir können jetzt gehen." Er schloss die Augen, denn er konnte die schleichende Dunkelheit nicht ertragen, und nahm die Hand des Herrn der Unterwelt.

In dieser Nacht verließ er für immer unsere Welt.