Der Mond und die Närrin

Vor vielen hundert Jahren lebte einst eine junge Frau in einem fernen Land. Ihr Name war Santjala und sie spielte zauberhaft die Flöte. Jedoch war sie nicht schön anzusehen, wenn nicht sogar sehr hässlich. Sie war als Kind von ihren Eltern aus dem Hause gejagt worden, da sie sich ihrer Tochter schämten.
Seitdem zog sie von Dorf zu Dorf und spielte dort auf den Straßen, um ihr Brot zu verdienen. Immer wenn sie sich in der Öffentlichkeit zeigte, zog sie sich eine Maske über das Gesicht, damit niemand ihr Gesicht sehen konnte. Es war eine wunderschön schillernde Federmaske, die sie selbst angefertigt hatte. Ihre Zuhörer waren jedes Mal begeistert von Santjala, da sie sie mit ihrem märchenhaften Flötenspiel verzauberte und sie für kurze Zeit ihre Sorgen und ängste vergessen ließ. Sie blieb nie länger als zwei Tage und zwei Nächte in einem Dorf, aus Angst, ihr Geheimnis könnte aufgedeckt werden.

Als sie eines Tages wieder einmal auf der Straße spielte und sich immer mehr Menschen um sie versammelten, entdeckte Santjala ein Gesicht in der Menge, das ihr besonders gefiel. Es war das eines jungen Mannes, der begeistert ihrem Flötenspiel folgte. Er schien aus adeligem Hause zu kommen, denn er trug seidene Gewänder und goldenen Schmuck.
Auch am zweiten Tage erschien er wieder und blieb auch, als ihr Spiel längst verstummt und die Menschen wieder nach Hause gegangen waren, um ihrer Arbeit nachzugehen. Nachdem sie sich beide für eine Weile schweigend angesehen hatten, trat der junge Mann schließlich auf sie zu. "Du spielst so wunderschön, ich bin wie verzaubert, wenn ich deine Musik höre. Ich bekomme Flügel und kann fliegen wohin ich will. Aber wieso zeigst du nicht dein Gesicht, ist es nicht so schön und zart wie dein Flötenspiel? Zeig es mir bitte!" Mit diesen Worten versuchte er, ihr die Maske abzunehmen, doch Santjala schrak zurück. "Du brauchst keine Angst vor mir zu haben," beruhigte er sie, "wie ist dein Name?" "Santjala". "Santjala - das ist ein schöner Name. Nimm meine Hand, ich führe dich in meinen Palast, denn mein Vater ist König und herrscht über dieses Land."
So ritt Santjala mit dem Prinzen zu seines Vaters Schloss. Dort speiste sie königlich und wurde in seidene Gewänder gekleidet.

Ab nun lebte sie im Palast. Wenn der Prinz es wünschte, spielte sie auf ihrer Flöte und der König mitsamt seiner ganzen Gefolgschaft lauschte gebannt den zarten Tönen. Doch nahm sie niemals ihre Maske ab, nur des nachts, wenn sie zu Bette ging.
Eines Abends klopfte es an der Tür ihres Schlafgemachs. Es war der junge Prinz. Noch bevor sie antworten konnte, war er eingetreten. Schnell drehte Santjala ihm den Rücken zu und suchte verzweifelt nach ihrer Maske, doch sie war verschwunden, sie musste heruntergefallen sein. Der Prinz setzte sich zu ihr an das Bett und sprach: "Meine liebste Santjala, hör mich an. Du lebst schon einige Zeit hier, wir alle bewundern dein Flötenspiel und haben dich sehr liebgewonnen, besonders ich. Deshalb will ich, dass du meine Frau wirst. Dreh dich doch zu mir, damit ich dich anschauen kann."
So drehte Santjala sich vorsichtig um. Doch als der Prinz ihr Gesicht sah, schrak er zurück und schrie auf: "Oh mein Gott, wie bist du hässlich! Hässlich wie eine Gestalt der Nacht! Du wolltest dich in unseren Palast einschleichen, um unser Gold und unseren Schmuck zu stehlen! Jetzt ist mir alles klar. Verschwinde sofort von hier, nein ich rufe die Wachen, damit sie dich einsperren. Wachen, kommt und helft mir!" Sofort stürmten die Wachen herein, zerrten Santjala aus ihrem Bett und schleppten sie vor den König. Dieser war ebenso sehr aufgebracht.
"So, du hast also meinen Sohn verhext, damit er sich in dich verliebt und dir unser Gold gibt. Doch so dumm sind wir nicht. Ich habe wirklich noch nie einen solch hässlichen Menschen gesehen. So etwas hat auf meinem Hofe nichts zu suchen. Holt mir den Narren!"
Schnell wurde der Narr herbeigeführt - er hatte schon tief und fest geschlafen, nicht einmal sein Kostüm saß richtig. "Du brauchst dir mit dem Kostüm keine Mühe mehr zu machen", sprach der König, "es ist eh schon alt und zerrissen. Zieh es aus und gib es dieser grauenhaften Person!" befahl er, "Du wirst ein neues, schöneres bekommen." Die Wachen rissen Santjala ihr Nachtgewand vom Leibe und zwangen sie in das Narrenkostüm. Dann rief der König aus: "Und dies soll deine Strafe sein: du wirst nur noch in diesem Kostüm und ohne jegliche Maske deine Flöte spielen, denn dann wirst du nicht mehr in der Lage sein, die Leute für dumm zu verkaufen. Und jetzt verschwinde, ich ertrage deinen Anblick nicht mehr!"
Vor der Treppe des Thronsaals gab ihr der Prinz noch einen festen Tritt, so dass sie die harten Stufen hinabfiel. Schnell stand sie wieder auf und lief aus dem Schloss, verfolgt vom schrillen Gelächter der Wachen.

Als sie die Tore endlich hinter sich gelassen hatte, kniete sie sich nieder und weinte bitterlich.
Am nächsten Morgen stellte sie sich wieder auf die Straße um zu spielen, doch niemand der Vorbeigehenden wollte zuhören. Stattdessen versammelten sich die Menschen, um sie auszulachen, einige Kinder bewarfen sie mit Steinen, so dass sie aufhörte zu spielen. "Seht euch diese Närrin an!" rief eine Frau, "so etwas hässliches habe ich ja noch nie gesehen. Wieso traut die sich auf die Straße? Verschwinde von hier, du verschandelst unser Dorf!" Jemand nahm einen Besen und schlug damit auf sie ein. Schnell steckte Santjala ihre Flöte ein und lief. Sie lief über den Markt, durch das Dorf, über die Felder hinter dem Dorf und immer weiter.
Es wurde Nacht und sie lief durch einen Wald. Es war still dort, kein Lachen und Gegröle. Nur die kleinen Glöckchen ihres Narrenkostüms klingelten durch die Nacht. Erst jetzt bemerkte Santjala, wie wunderbar dieser Klang war - wie die Stimmen der Elfen. Sie holte ihre Flöte hervor und spielte, sie sprang in die Höhe, damit die Glöckchen noch lauter klingelten. Sie spielte Stunden um Stunden. Doch irgendwann hörte sie auf, denn es war niemand da, der ihr Spiel hören konnte. Traurig setzte sie sich auf einen Baumstumpf und weinte.
Da ertönte plötzlich aus der Ferne eine ruhige, dunkle Stimme:" Wieso hörst du auf, kleine Närrin, du spielst so wunderschön, spiele doch weiter für mich!" Erschrocken drehte sich Santjala zu allen Seiten, doch da war niemand. "Wo bist du?" fragte sie ängstlich, "zeig dich mir!" "Ich bin es, der Mond über dir. Nacht für Nacht stehe ich nun am Nachthimmel ganz alleine. Es war nie jemand da, der die Nacht mit mir teilen wollte, mit mir spracht oder mich unterhielt. Doch jetzt bist du da. Willst du meine Gefährtin sein? Wenn du bei mir bleibst, werde auch ich dir nie von der Seite weichen. Ich werde dich schützen vor den Gefahren der Nacht, wenn du nur nicht aufhörst zu spielen."
Santjala mochte den Mond, denn er hatte eine sanfte Stimme. So spielte sie weiter und tanzte dazu im Mondlicht.
Santjala hörte nie auf zu spielen. Und da der Mond ihr versprochen hatte, immer bei ihr zu bleiben, ging im Land des Königs nie wieder die Sonne auf.