Morgen

Vor fünf Minuten ist er wieder gegangen. Ich höre ihn noch die Treppe hinabschreiten. Leise, fast lautlos. Wie schwebend.
Ich schließe meine Augen und stelle mir vor, dass er auf der letzten Stufe umkehrt, um zu mir zurückzukommen, um mir zu schwören, dass er nie wieder geht.
Es wird wieder vier oder fünf Stunden dauern - eine Ewigkeit.


Ich öffne das Fenster.
Der Wind - sein Atem. Das Meer- seine Liebe.


Schlafen.

"Jonas, wo bist du? Schläfst du etwa?"
Er ist wieder da.
"Ich habe uns etwas vom Chinesen mitgebracht. Hühnchen süß-sauer. Das magst du doch so gerne!" Aber ja, ich liebe es.
"Ich mache es uns jetzt richtig gemütlich!"

Seine Augen, so matt, spiegeln doch das Kerzenlicht.

"Das war wieder Tag! Ein Kerl ist wieder ohne zu bezahlen abgehauen. Und die Alte war auch da. Bin ich froh wieder bei Dir zu sein."
Mein Mario.

"Jonas, ab morgen wird alles anders. Morgen bleibe ich bei dir. Ich gehe nie wieder fort!"

Ich lausche dem säuselnden Wind, dem Rauschen des Meeres und seinem Atem. Ich schlafe ein neben diesem wunderbaren Geschöpf - einem Geschenk Gottes. Er hat ihn mir gegeben und wird ihn mir wieder nehmen. Vielleicht schon morgen?
Herr, lass diese Nacht ewig währen.

Leise Schritte auf der Treppe. Die Tür fällt so vorsichtig ins Schloss, als hätte ein Windhauch die Klinke berührt.
Warten.
Warten auf meinen Vater, meinen Bruder, meinen Geliebten.
Mario, komm zu mir zurück! Ich stärke dich! Gemeinsam wappnen wir uns gegen den Rest der Welt!

Stunden.

"Ich bin wieder da! Jonas, hilf mir!" Eine blasse, schwache Gestalt fällt in meine Arme. Mario, was haben sie dir wieder angetan?
"Robin war heute nicht da. Ich musste es mir woanders besoergen. Weiß der Teufel, was die untergemischt haben. Ich friere. Ich kann nichts sehen. Ich habe so Angst. Jonas, halte mich! Morgen wird alles besser. Ich verspreche es. Du wirst nie wieder alleine sein!" Mein Vater. "Gemeinsam sind wir stark!" Mein Bruder. "Vereint in alle Ewigkeit!" Mein Geliebter.


Schritte auf der Treppe. Oder ist es doch der Regen, der auf die Fenster prasselt?
Wolltest du nicht immer bei mir bleiben?


Es regnet unsere Tränen, unser Blut.
Mario, das Meer wird ansteigen und mich in die Tiefe reißen. Nicht morgen, nicht übermorgen. Jetzt!

Warten.
Wieder eine Ewigkeit.
Fünf Stunden.
Sechs Stunden.
Sieben Stunden... Tage.


Wer wird mir jetzt den nächsten Tag versprechen?