Die Taube

Vielleicht sieht meine Haut älter aus als sie ist, jede Falte eine Geschichte. Doch in meinen Augen brennt das Feuer. Nachts öffne ich sie und sehe die Nachtgestalten. Ich heule mit den Wölfen und sie lauschen meinen fliegenden Worten. Sie tragen sie über das Land und lassen sie im Mondlicht scheinen.

Als ich an einem Morgen erwachte, entdeckte ich an dem Fenster eine Taube. Sie war strahlend weiß, fast tat es meinen Augen weh. Vorsichtig erhob ich mich von meinem Ruhelager und trat auf sie zu. Sie war etwas ängstlich, doch flog sie nicht fort. So nahm ich sie auf die Hand und strich ihr sanft über das reine Gefieder. Mit ruhiger Stimme sprach ich zu ihr. Ich setzte sie auf meine Schulter und sie begleitete mich den ganzen Tag bei meiner Arbeit. Doch sobald die Abenddämmerung anbrach, verließ sie mich.

Sie kam von nun an jeden Morgen zu mir und blieb manchmal sogar den ganzen Tag. Sie hatte vollkommenes Vertrauen zu mir gefasst und ich meinerseits hatte sie sehr liebgewonnen. Fast war sie wie eine Freundin für mich, der ich all meine Sorgen und Ängste erzählen konnte.
Es interessierte mich schließlich, wo sich ihr Schlaflager befand. Ich wollte dieses wunderbar reine Geschöpf beim Schlafe beobachten und sie dadurch ein klein wenig ihrer Unschuld berauben.

Es war nicht leicht, ihr hinterherzulaufen. Die ersten drei Male scheiterte ich, doch beim vierten Mal hatte ich Erfolg. Ich folgte ihr zu einem kleinen Holzschuppen mitten im dichtesten Wald. Dort flog sie in ein geöffnetes Fenster. Durch das Fenster konnte ich verfolgen, wie sie sich auf ein weißes Federbett niederließ. Ich traute kaum meinen Augen, als ich sah, wie sich die Taube langsam in ein junges Mädchen verwandelte. Sie war wunderschön. Blonde Locken umrahmten das elfenbeinfarbene engelsgleiche Gesicht. Die Farbe ihrer Augen konnte ich nicht erkennen. Sie war nackt, ich konnte erkennen, dass sie fröstelte. Schnell schlüpfte sie unter die Decke und schlief sofort ein. Ich beobachtete sie eine zeitlang, bis ich mich schließlich auf den Weg zu meinem eigenen Lager machte.

Am nächsten Morgen erschien meine Taube wieder. Ich ließ mir nichts anmerken, nahm sie auf meine Schulter. Sie begleitete mich zum Hof, auf dem ich arbeitete.
Sobald die Abenddämmerung anbrach, verließ sie mich. Ich hatte es nicht eilig ihr zu folgen, da ich ja bereits wusste, wo sich ihre Ruhestätte befand. So verrichtete ich in Ruhe meine Arbeit und machte mich dann auf den Weg in den Wald.
Als ich dort ankam, schlief sie schon längst. Vorsichtig stieg ich durch das geöffnete Fenster und trat an ihr Bett. Sie hatte mich noch nicht bemerkt. Behutsam hob ich die Decke und schlüpfte zu ihr ins wärmende Bett. Sie zuckte kurz und öffnete die Augen. Als sie mich sah, erschrak sie, doch sagte sie nichts. Ich strich ihr eine Locke aus dem Gesicht und sah tief in ihre Augen. Sie waren von einem so hellen Blau, wie ich es nie zuvor gesehen hatte. "Hab keine Angst vor mir. Ich bin es, die alte Frau, die dich zähmte. Erkennst du mich nicht?" Ihre Gesichtszüge entspannten sich wieder. Sie nickte kurz.
"Ich bin zu dir gekommen, weil ich dir eine Geschichte erzählen will. Du bist die einzige, die sie erfährt, denn ich habe dich sehr liebgewonnen. Schließ deine Augen und lausche meinen Worten:
"Eines nachts, ich war noch jung, wanderte ich durch den Wald, pflückte Kräuter und sprach mit den Waldtieren, als ich in der Ferne auf einer Lichtung ein Lagerfeuer entdeckte. Um das Feuer hatte sich eine Gruppe junger Männer versammelt. Sie waren nackt und wunderschön. Licht und Schatten tanzten gemeinsam auf ihren bloßen, verschwitzten Körpern. Ich versteckte mich hinter einer Hecke und beobachtete sie eine zeitlang.
Sie waren noch jung, ihre Gesichter hatten weibliche Züge. Sie schmiegten ihre geschmeidigen Körper aneinander, strichen sich durch das schwarze Haar. Ihre Augen blickten wild, derweil sie sich wohl unbeobachtet fühlten.
Doch ein Seufzer, der mir unbewusst entfuhr, verriet mich. Einer der Männer sprang unversehens auf, packte mich und zerrte mich aus der Hecke hervor. Ich war wie gelähmt vor Schreck, doch sie beruhigten mich: "Hab keine Angst, wir werden dir nichts tun. Geselle dich zu uns!"
Ich tat wie sie sagten. Unsicher und steif saß ich auf meinem Platz, während sie mich mit ihren schwarzen Augen musterten. Schließlich wurde die unerträgliche Stille unterbrochen. "Wir sind eine Gruppe und wollen den Wald nach Geheimnissen durchwandern. Doch wenn es den einen nach links zieht, so will der andere nach rechts, und wollen die einen rasten, so möchten die anderen weiterziehen. Wir berieten gerade, wer wohl unser Führer wird, doch sind wir zu keinem Entschluss gekommen. Wie ich sehe, kennst du die Kräuter des Waldes und hast Augen, die in der Nacht sehend sind. Willst nicht du unsere Führerin sein?"
So führte ich sie in die Geheimnisse des Waldes ein. Des nachts streiften wir durch die Wälder. Ich machte sie mit den Waldbewohnern bekannt und braute ihnen Kräuter, die sie stärkten. Ich lehrte sie, niemals Furcht zu haben in der Nacht, nur am Tage.
Bei Vollmond verließen wir den Wald für einige Stunden, um einen Felsen zu besteigen und den Mond zu ehren.
Wenn die Morgendämmerung anbrach, schmiegten wir unsere Körper aneinander und schliefen gemeinsam bis der schützende Mantel der Nacht unseren Hain umhüllte.
Als ich eines abends erwachte und um mich blickte, waren meine Kameraden zu Wölfen geworden. Für einen Moment plagte mich der Gedanke, sie seien von diesen Wölfen zerfleischt worden, doch sobald sie erwachten, erkannte ich sie an ihren rabenschwarzen Augen.
Wir streiften weiter durch die Hölzer, der Wald schien kein Ende zu haben. Manchmal, bevor der Schlaf sie überkam, fielen sie über mich her und liebten mich.
Im Winter wärmte mich ihr weiches Fell.

Monate, ja vielleicht Jahre, mochten wir durch die Waldungen gezogen sein, als mich der unbestimmte Wunsch überfiel, wieder in das Tageslicht blicken zu können, über weite Felder zu springen und frei zu sein. Ich hatte einen Plan ersponnen.
Es war Vollmond. Gemeinsam verließen wir den Wald, um auf den Klippen Luna zu begrüßen.
Doch bevor sie ihr Lied anstimmten, sprach ich: "Ihr habt das Wichtigste noch nicht gelernt. Das größte und schönste der Geheimnisse. Denn ihr könnt fliegen, die ihr solange in Freiheit gelebt und den Mond besungen habt. Nun ist es endlich soweit. Erhebt euch in die Lüfte und schwebt zum Mond!
Natürlich vertrauten sie mir. So stellten sie sich an den Rand der Felsen und sprangen, die dunklen Augen zum Mond gerichtet, in den Tod.

Nein, ich fühlte keine Schuld, denn ich war endlich frei. Sofort machte ich mich auf den Weg zu meinem Heimatdorf. Es war ungewohnt, in der Nacht zu schlafen und am nächsten Morgen in die grelle Sonne zu blicken."

"Nächste Nacht werde ich wieder zu dir kommen und eine Geschichte erzählen. Nun schlaf, damit du genügend Kraft hast, mich in der Morgendämmerung besuchen zu können."
Des nachts fand ich keinen Schlaf. Mich plagten Ängste, die mit meiner liebsten Freundin zusammenhingen. Was konnte ihr alles passieren. Vielleicht würde sie eines Tages für teures Geld gefangen und verkauft, schließlich war ihre Schönheit und ihr weißes Gefieder einmalig. Sie schlief des nachts mutterseelenallein im dunklen Wald. Vielleicht sollte ich sie zu mir nehmen, damit ihr nichts geschieht. So würde sie immer an meiner Seite sein. Die Menschen auf der Straße würden sich nach uns umdrehen und die Schöne an meiner Seite bewundern. Und würden sie fragen, wer dieses Geschöpf sei, so antwortete ich: Sie ist mein!

In der nächsten Nacht machte ich mich erneut auf den Weg zu meiner Geliebten. Sie erwartete mich bereits. Wieder kroch ich zu ihr unter die Daunendecke. "Hör meine Worte, mein Kind:
"Ich kenne alle Tiere. Ich spreche ihre Sprache, denn ich habe unter ihnen gelebt. Doch das einzige Tier, das mir seine Kameradschaft verwehrte, war die Schlange. Sie hatte mir in die Augen gesehen und ich hatte für einen kurzen Augenblick einen Funken Angst darin entdeckt. Vielleicht war ich ihre Rivalin. Denn die Schlange ist ein Weib. Sie verführte Eva dazu, in den Apfel zu beißen, da sie Adam besitzen wollte. Er sollte sich voller Schmach von Eva abwenden, da sie gesündigt hatte, doch es kam anders.
Ich wollte die Schlange schwächen, sie zähmen und mir ihre Kraft zunutze machen. Denn sie tilgt deine Sünden, wenn du sie besitzt. So bedurfte es einer List!
Eines Tages trat ich zu ihr und sagte: "Ich habe keine Angst vor dir, denn ich bin stärker. Ich brauche nicht, auf dem Boden kriechend, listig und hinterhältig Männer jagen, denn ich habe schon einen. Und er wird immer mein sein, denn er ist in mir. Ich habe einen Sohn in mir. Er wird eines Tages so schön und wohlgewachsen sein, wie sein Vater es ist. Und er wird nur mir gehören!"
Ich merkte, wie Groll in ihr aufstieg. Sie zischte mich ärgerlich an und verschwand im Gebüsch.
Die Sommernacht war heiß und schwül, so dass ich mich völlig nackt auf mein Schlaflager legen konnte.
Ich schloss meine Augen und wartete. Schon bald hörte ich es im Unterholz rascheln. Ich verhielt mich ruhig und atmete gleichmäßig. Sie schien nichts zu ahnen. Ich spürte ihre glatte, geschmeidige Haut meine Beine hinaufgleiten. Schließlich drang sie in mich ein. Als sie in mir war, setzte ich mich auf und fing laut zu lachen an. "Nun habe ich dich, du dummes Gewürm. Wer hätte gedacht, dass du, ach so schlaues Weib, so leicht zu überlisten seist! Nun friss meine Sünden und verschwinde!" Und so kam sie wieder herausgekrochen. Ohne ein Wort verschwand sie im Gehölz, doch konnte sie wohl nicht verbergen, wie groß ihre Scham war. Ich legte mich nieder und schlief mit sauberem Gewissen ein, denn nun war ich rein."

Meine Liebste öffnete die Augen - sie schienen mir dunkler als sonst - und lächelte mich an. Ich küsste sie zur Nacht und ging.
Als sie mich am nächsten Tage aufsuchte, schien sie mir ermüdet, ihre Augen zeigten einen matten Schein und ihr Gefieder wirkte ungepflegt. Von Zeit zu Zeit nickte sie für einen kurzen Moment ein.
"Meine nächste Geschichte," erzählte ich ihr in der folgenden Nacht, "handelt von der Eitelkeit des Mannes!" Ich war von meiner Mutter zu einem jungen Zauberer geschickt worden, damit ich das Zauberhandwerk erlerne. Sie schwärmte von ihm in den höchsten Tönen. "Er ist so wunderschön, du wirst deinen Augen nicht trauen. Auch ich war bei ihm in der Lehre. Er wird nicht älter, sondern jedes Jahr schöner. Jede Frau, die ihn sieht, verfällt ihm sofort, doch er hat noch nie eine Frau angerührt."
So machte ich mich auf den Weg zu diesem viel gerühmten Manne. Und tatsächlich, fast erstrahlte er vor Schönheit. Ich hatte mir jedoch vorgenommen, mich nicht von seiner Schönheit blenden zu lassen, denn ich war nicht so wie die anderen dummen Weiber im Dorf.
Er führte mich ein Jahr in die Kunst der Zauberei ein. Doch ich muss zugeben, dass ich mich oft so schwach fühlte beim Blick in seine wilden, strahlenden Augen. Zu meinem eigenen Schutze wandte ich mich sodann gleich ab. "Es ist alles nur Zauber!" sagte ich mir.
Und wie eitel er war! Er schien nur sich selbst zu lieben. Überall in seinem Schloss hingen Spiegel an der Wand. Er ging nie daran vorbei, ohne hineinzusehen; vielleicht um seine Haare zu richten, ein Staubkorn von seinem Mantel zu entfernen oder um sich selbstverliebt anzulächeln. Dieser Anblick machte mich oft rasend. Ich setzte mir in den Kopf ihn zu demütigen; ihn gar lächerlich zu machen.
So schlich ich eines Nachts in seine Bibliothek und schmökerte in seinen Zauberformeln - denn das Geheimnis des Liebestranks hatte er mich nicht gelehrt. Ich braute den Trank und klopfte schließlich an seine Tür. "Liebster Meister, ich bringe dir einen Abendtrunk, der wundervolle Träume verspricht." Ich betrachtete ihn, während er trank. Sein Blick wurde wilder. Er wollte mich. Noch bevor der Becher geleert war, hatte mich mein Zauberer zu sich in das Bett gezogen.
Diese Nacht vergaß er sich und liebte nur mich.

Am nächsten Morgen erwachte ich vor ihm. Neben mir lag ein Greis. Tiefe, hässliche Falten durchfurchten sein Gesicht. Die wenigen Haare, die noch auf seinem glänzenden Kopf übrig waren, schimmerten grau, fast weiß. Ich stieß ihn an. Er erwachte mühsam. Seine Augen waren grau und müde. Ich sprang auf und ergriff den Spiegel, der, wie immer, griffbereit auf der Kommode lag und hielt ihn vor des Alten Gesicht. Er erschrak. "Ja, schöner Mann, das bist du. Sieh hinein und sieh in die anderen tausend Spiegel, damit du diesen Anblick nie vergisst! Träumen sollst du von diesem todesgleichen Antlitz!"
Ich wartete seine nächste Reaktion nicht ab, sondern verließ so schnell wie möglich das Schloss, denn ich fürchtete immer noch seine Zauberkräfte.
Erst als ich schon beim nächsten Hügel angelangt war, hörte ich seinen verzweifelten Schrei. Er hallte bis in unser Dorf."
"Sind alle Männer so eitel und selbstverliebt?" fragte mich meine Taube mit unschuldigem Blick. "Ja, das sind sie. Auch die hässlichen, so hüte dich vor ihnen!"
Ich wickelte sie fest in die Decke ein, denn es fröstelte.
Am nächsten Tage gingen wir gemeinsam über die Felder spazieren. Sie flog nicht wie üblich neben mir her, sondern saß einfach faul auf meiner Schulter. "Sie wird müde sein", dachte ich mir," es war spät gestern.
Diese Nacht kam ich etwas früher, da ich sie nicht zu sehr erschöpfen wollte. Sie sah mich an. Ihre Augen hatten fast die Farbe eines aufziehenden Herbststurmes; dunkelblau mit grauen Schatten. "Komm zu mir!" Sie streckte mir die Arme entgegen und schenkte mir ein verführerisches Lächeln.
"Einst gab es ein Königreich in dem ein sehr junger König herrschte. Er hatte gerade erst eine schöne Fürstentochter geheiratet. Sie waren glücklich verliebt. Zu ihrem vollkommenen Glück fehlte nur noch ein Kind, ein Thronfolger. Das erste Kind, welches der König zeugte, sollte das halbe Königreich erben, so hatte es der alte König verfügt. Die Bürger wussten davon. Alle wünschten dem jungen Ehepaar Glück, denn es war ein gütiger und gerechter König.
Doch die Jahre zogen ins Land und kein Erbe ward geboren.
Auch ich machte mir Gedanken über des Paares Unglück. Ich holte meine alten, verstaubten Zauberbücher hervor und studierte diese die ganze Nacht.
Am nächsten Tage braute ich einen Zaubertrank. Ich stand vor dem Spiegel während ich trank, und noch bevor ich den Kelch abgesetzt hatte, bemerkte ich die ersten Veränderungen. Einige Falten um die Augen glätteten sich, die schwarzen Haare lockten und erhellten sich, während sich die Augenfarbe von dem mir so vertrauten Braun ins Blau wandelte. Mein schlichtes Kleid begann zu glitzern und zu strahlen bis ich ein wahrlich königliches Gewand auf dem zarten Körper trug. Schließlich erkannte ich die Königin im Spiegel. Ein verschmitztes Grinsen huschte über mein Gesicht.
Nun machte ich mich schnell daran, auf mein Pferd zu steigen und zum Hof zu reiten. Es war früher Abend. Mir war bekannt, dass die Königin um diese Zeit im Garten spazieren ging. Ich hatte natürlich keine Schwierigkeiten die Wache zu passieren.
Beim königlichen Schlafgemach angekommen, klopfte ich sanft an die Tür. "Ich bin es, Liebster!" Meine Stimme war ungewohnt weiblich. Der König öffnete mir erfreut die Tür. "Tretet ein, meine Teuerste. Habt ihr euren Spaziergang schon beendet?" Ich sah ihn mit verführerischen Blick an und hauchte ihm zu: "Ich hatte so Sehnsucht nach euch!" Ich nahm seine Hand und zog ihn auf das mit Samt bezogene Bett. Wir liebten uns leidenschaftlich, wenn auch nur für kurze Zeit. Er schien keine Zweifel an meiner Echtheit gehabt zu haben. Schnell legte ich meine Gewänder wieder an, da sich schon die Schritte der Königin hörbar näherten, und verschwand durch die Hintertür.

Neun Monate später gebar ich einen prächtigen Sohn. Ich erkannte sofort die ähnlichkeit zum Königspaar. Ich nahm meinen Sohn, packte meine Habseligkeiten zusammen und verschwand aus meinem Heimatland.

Zwölf Jahre waren wir in fremden Reichen umhergezogen, bevor wir wieder zurückkehrten, um zu nehmen, was uns gehörte. Es bestand nun kein Zweifel daran, dass er der Königssohn war, die Ähnlichkeit war verblüffend. So trat ich mit meiner eigen Frucht vor das Königspaar. Die Armen waren immer noch ohne Nachkommen. Natürlich konnten sie meinem Kinde das halbe Reich nicht verwehren, zu deutlich war die Vaterschaft.
So lebten wir eine zeitlang in vollem Reichtum.
Doch zu offenkundig war die Abstammung vom König. Mein Sohn war sanft und gutmütig, wohlgeraten in all seinem Tun. Er verschenkte das Gold an die Armen, anstatt sich, wie ich, im Glanz und Wohlstand zu baden und die Welt um sich herum zu vergessen. Fast befürchtete ich, er würde auch mein geliebtes Gold an die ärmlichen Kreaturen verschwenden.
Eines abends auf meinem Lager - mein Sohn hatte sich in sein Zimmer zurückgezogen, um über Armut und Krankheit grübeln - kam mir der Trank in den Sinn, den ich einst für den Zauberer gebraut hatte und ich hatte eine Idee. Flink mischte ich die aphrodisierenden Kräuter und goss sie mit Wasser auf. Mit diesem Trank trat ich in das Zimmer meines Sohnes. Ich hielt seine Hand während er trank. Nach dem letzten Schluck warf er sich in die Arme seiner geliebten Mutter.

Als er sich am nächsten Morgengrauen seiner Tat bewusst wurde, grämte er sich so, dass er in aller Frühe aufbrach und niemals zurückkehrte."

Meine Geliebte hatte wie immer, wenn ich ihr Geschichten erzählte, die Augen verschlossen. Als sie sie öffnete, erschrak ich so, dass mir ein Schrei entfuhr. Ihre Augen waren schwarz. Schwärzer als jede Nacht, die ich je in meinem Leben gesehen hatte. "Schließ die Augen und schlaf!" befahl ich ihr mit zitternder Stimme.
Diese Nacht schlief ich kaum und wachte schon früh am Morgen auf. Ich setzte mich auf und erwartete ungeduldig das Erscheinen der Taube. Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als ich das Flügelschlagen hörte. Doch anstatt meiner geliebten Taube setzte sich nun eine Krähe an mein Fenster, und anstelle des mir so vertrauten Gurren, entfuhr dem unglücksbringenden Vogel nur ein unmelodisches Krächzen. Ich sprang auf, ergriff einen Besen und stieß sie damit von der Fensterbank. "Verschwinde von hier! Ich will dich nie wiedersehen!" schrie ich sie an. Noch einige Male versuchte die Krähe zu landen, während sie mich verständnislos anblickte, doch verscheuchte ich sie letztendlich. Noch in der Ferne hörte ich ihr für mich unerträgliches Krächzen.

Ich weiß nicht, ob es ihre schwarze Seele war oder die meinige, die dort aus dem Fenster entschwunden war.

Doch bin ich nicht ohne Schuld?